Existenzgründung und Versicherungen, Teil 1

Wie viel Versicherungsschutz ist bei der Existenzgründung sinnvoll? Wer sich selbstständig macht, hat oft ganz andere Sorgen, als sich um seine Versicherungen zu kümmern. Es ist jedoch ein schwerer Fehler, dieses Thema außer Acht zu lassen. Unser Sozialversicherungssystem für Angestellte umfasst die Renten-, Kranken-, Pflege-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung. Die Beiträge richten sich nach dem Einkommen des Versicherten, nach dem Prinzip des sozialen Ausgleichs. Die Leistungen sind festgelegt.

Machst du dich selbstständig, musst du dich selber entscheiden, wie du diesen Versicherungsschutz gestalten willst. Du kannst weiterhin freiwillig in die gesetzliche Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung einzahlen. Oder du betreibst zusätzlich oder ausschließlich eine private Form von Altersvorsorge, z.B. durch Vermögensbildung. Zahlst du nicht mehr in die Arbeitslosenversicherung ein, bist du im Fall des Scheiterns oder der Aufgabe deiner Unternehmung im schlimmsten Fall auf die Beantragung von Hartz4 angewiesen.

Wie erkennst du die Qualität einer Versicherung?

Drei Fragen helfen zu diesem Thema weiter:

● Unter welchen Bedingungen zahlt die Versicherung?
● Welche Verpflichtungen geht der Versicherungsnehmer ein?
● Welche Rolle spielen Meldefristen und pünktliche Prämienzahlungen?

Die Deregulierung der Finanz- und Versicherungsmärkte hat die Angebotsvielfalt und damit Intransparenz erhöht. Die Finanz- und Versicherungsprodukte werden komplexer und sind für den Laien schwer zu durchschauen. Deshalb: Fragen kostet nichts! Es gibt Experten, die klar Auskunft geben und verständlich machen, was sinnvoll ist oder womit du lediglich dein Geld verschwendest. Wer dir etwas andrehen will, wird sich in Schwafeleien oder Vernebelungstaktik durch den Einsatz von Fachchinesisch ergehen.

Gesetzliche oder private Krankenkasse und Pflegeversicherung?

Als Selbstständiger kannst du dich freiwillig in den gesetzlichen Krankenkassen versichern oder eine private Krankenkasse auswählen. Auch die Kombination von beidem ist möglich, z.B. durch private Zusatzversicherungen (Zahnersatz, Krankenhaus 2-Bett-Zimmer, Pflegezusatzversicherung, etc.)

In der gesetzlichen Kasse zahlst du als Existenzgründer 14,6 % deines Einkommens, höchstens jedoch bis zur 2016 geltenden Bemessungsgrundlage 4.237,50 Euro/Monat (4.237,50 Euro x 14,6:100=618,68 Euro). Bei geringeren Einnahmen muss die Krankenkasse feststellen, ob auf deine Beitragsbemessung die Mindestbemessungsgrundlage von 2.178,75 Euro angewendet werden kann (entspricht 318,10 Euro/Monat). Die Beiträge von Gründern, die einen Gründungszuschuss vom Arbeitsamt beziehen, werden auf der Bemessungsgrundlage von 1.452,50 Euro/Monat berechnet.

Für nicht wenige Gründer sind diese Zahlen graue Theorie, denn sie verdienen (zunächst) weniger. Sprich offen mit der Krankenkasse. Es gibt Lösungen, die aber nicht an die große Glocke gehängt werden. Existenzgründer sollten in den Startjahren nicht an Krankenkassenbeiträgen scheitern!



Private Kassen haben Vor- und Nachteile. Für jüngere Menschen sind sie günstig, mit zunehmendem Alter steigen die Beiträge. Hier gilt nicht das Solidarprinzip, sondern die Risikogruppe. Gehst du vorausschauend vor, müsstest du die Ersparnis bei der Privatversicherung in jungen Jahren in deine Altersvorsorge stecken. Die privaten Krankenkassen rechnen Alterungsrücklagen in deine Beiträge mit ein. Dennoch kann der Beitrag im Alter dein Einkommen überlasten. Zwar gibt es spezielle Tarife, damit du nicht (noch mehr) in Not kommst (z.B. Standardtarif oder Notlagentarif), auf den gewohnten Leistungsumfang musst du dann aber verzichtet. Es gibt dann eben nur noch „Standard“.
Du bekommst nach einer Gesundheitsbehandlung eine Rechnung und leitest sie an die Krankenkasse weiter. Krankenhäuser rechnen meistens direkt mit dem Versicherer ab. Je nach dem Leistungspaket, für das du dich entschieden hast, weist die Kasse dann den vollen oder anteiligen Betrag an. Möglich ist das individuelle Schnüren eines Gesundheitspakets, vom Basis- bis zum Allroundpaket.

Bist du als Selbstständiger privat versichert, gibt es kein Zurück in die gesetzlichen Krankenkassen. Das will gut überlegt sein. Außerdem solltest du klären, welche Kosten die Versicherung deiner Familie verursacht. Die Familienversicherung der gesetzlichen Krankenkasse hat Vorteile. Bei der Privaten wird sie in dieser Form nicht angeboten. Die private Krankenversicherung für Kinder kostet 100 – 200 € im Monat.

Als Mitglied einer privaten Krankenkasse musst du gesetzlich bindend Beiträge zur privaten Pflegeversicherung zahlen. Vorsicht: Bist du mal im Verzug mit deinen Beiträgen zur Krankenversicherung, kannst du mit deiner Kasse sprechen und eine Lösung aushandeln. Bist du jedoch säumig mit den Beiträgen zur privaten Pflegeversicherung, steigt dir schnell das Versicherungsamt mit massiven Maßnahmen aufs Dach!

Wie die spezielle Versicherungssituation von Gründern aussieht, die aus der Arbeitslosigkeit hinaus gründen, kannst du in einem Blogartikel zum Thema lesen.

Selbstständig und berufs- oder erwerbsunfähig

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) kann die Folgen einer Erkrankung abmildern und ist deshalb für Selbstständige ratsam, die nicht mehr oder „freiwillig“ in die Rentenversicherung einzahlen. Zu beachten ist beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung, dass sie sich auf den zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses abgesicherten Beruf bezieht. Sie kann „dynamisch“ abgeschlossen werden, d.h., Beiträge, aber auch die im Bedarfsfall gezahlte Rente steigen im Laufe der Jahre. Sei vorsichtig, dass das Höchstalter, bis zu dem die BU im Notfall eintritt, mit deinem geplanten Renteneintrittsalter übereinstimmt. Läuft sie bis zum 62. Lebensjahr, deine Ansprüche an die gesetzliche und die Rürup-Rente setzen aber erst mit 67 ein, musst du 4 Jahre ohne Bezüge auskommen!
Im vermeintlichen Leistungsfall kann es zu Überraschungen kommen, weil einige besonders günstige Versicherungen meinen, man könne in einem anderen Beruf weiterarbeiten. Willst du dich informieren, welche Versicherer besonders häufig Leistungsunwillen zeigen, google „Leistungsprozessquote“ (Leistungsquote des Versicherungskonzerns im Leistungsfall). Weist ein Konzern diese Quote z.B. gar nicht aus, weißt du, warum… Auch Kandidaten, die nur jeden 4. Leistungsfall ohne Prozess durchlaufen lassen, solltest du meiden, so günstig ihr Angebot auch sein mag.
Interessant ist eine Absicherung durch eine Erwerbsminderungszusatzversicherung, die die Differenz zwischen Erwerbsminderungsrente und früherem Einkommen deutlich günstiger als eine Berufsunfähigkeitsversicherung ausgleicht.

Meldest du ein Gewerbe an, kannst du dich als Unternehmer bei der zuständigen Berufsgenossenschaft unfallversichern. Beschäftigst du Mitarbeiter, musst du sie dort versichern. Klär ab, welchen Versicherungsschutz die Mitgliedschaft umfasst.

Wie sicherst du dich individuell ab?

Individualversicherungen, wie z.B. private Lebensversicherungen für die Alters- und Hinterbliebenenvorsorge, kalkulieren ihre Beiträge auf Grundlage des Risikos der jeweiligen Risikogruppe. Es gilt das Äquivalenz-, oder auch Versicherungsprinzip. Eine individuelle Anpassung der Versicherungsleistung ist möglich, abgestimmt auch auf die aufzubringenden Prämien. Mit dieser Art von Versicherungen werden Risiken abgesichert, die die wirtschaftliche Existenz des Haushaltes gefährden können: Vorzeitiger Tod, Krankheit, Unfall, Diebstahl und Haftpflichtschäden. Diese Versicherungen laufen automatisch bei deiner Existenzgründung weiter, wenn du sie bereits abgeschlossen hast.

Alle Experten raten zu einer Privathaftpflichtversicherung, die „existenzzerstörende Lebensrisiken“ absichert. Wer ungewollt einen anderen Menschen schwer verletzt, wird nicht nur Probleme mit den psychischen Nachwirkungen des Unglücks haben. Er oder sie muss über Jahrzehnte für die Folgekosten aufkommen. Trotzdem haben ca. 30 Prozent aller deutschen Haushalte keine Privathaftpflichtversicherung abgeschlossen. Machst du dich selbstständig, wird auch dein Gewerbe mit dieser Versicherung bis zur nächsten Hauptfälligkeit versichert.

Im zweiten Teil des Beitrags werde ich dich zum Thema Altersvorsorge, betriebliche Versicherungen und Über/Unterversicherung informieren.
In meinem E-Book “Finanzielle Bildung” gehe ich auch auf einige der Themen ein, die hier angesprochen werden. Du kannst es dir kostenlos herunterladen.

Herzlichst

Mike Warmeling

 

Existenzgründung und Versicherungen, Teil 1
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