Sei authentisch, sei nur nicht zu echt!

Die Bremsleuchten der vor Ihnen fahrenden Autos leuchten plötzlich hell auf. Sie steigen in die Bremse, so wie die 800 Autos vor Ihnen und die nachfolgenden 4000. Es kommt zum absoluten Stillstand auf vier Spuren. Die Fahrbahn nadelöhrt sich an dieser Stelle geschmeidig in eine Baustelle und diese anderen Vollidioten bringen es mit unmöglichen Manövern fertig, den Fahrfluss komplett zu stoppen. Ihre großzügig kalkulierte halbe Stunde Puffer frisst sich zweispurig vor sich hinschleichend Minute für Minute auf. Sie beobachten die Schnecken am Wegesrand, die Sie im raschen Vorbeikriechen hämisch angrinsen. Dann endlich geht es weiter auf den zwei eng bemessenen Baustellenspuren. Erstaunlicherweise habe Sie jetzt nahezu freie Bahn auf der linken Spur. Nun drücken Sie ein wenig auf die Tube. Sie freuen sich an der sich rasch nach rechts bewegenden Tachonadel und den vorbeifliegenden Baustellenbegrenzungspfosten, die Ihnen entspannende, visuelle Rückmeldung über die wenigstens minimal aufgeholte Zeit geben. Ein plötzlicher greller, roter Blitz vom Wegesrand kündigt an, dass Sie sich aber bald nur mehr über überteuerte Fahrdienste oder schlecht präparierte Radwege beklagen können. Geblitzt. Erwischt. Führerschein adé. Gestresst, genervt und mit adretten Schweißflecken im Hemd betreten Sie wenig später den Meetingraum, in dem – sagen wir mal – die Bundeskanzlerin schon wartet und bei Ihrem Erscheinen einen unmissverständlich, vorwurfsvollen Blick auf die Uhr wirft. Was werden Sie tun? Werden Sie authentisch sein? Werden Sie so sein, wie Sie sind? Nicht inszeniert, ganz ehrlich an Ihre momentanen Gefühle angeschlossen und völlig echt? Das bedeutet: Sie knallen Ihre Unterlagen auf den Tisch, verfluchen in unflätiger Weise „diese Abzocker“ von Bullen und brechen dann schluchzend in Frau Merkels Armen zusammen, weil Sie nicht wissen, wie Sie die nächsten Monate ohne Auto bewerkstelligen sollen. Das wäre wahrscheinlich die authentischste Variante.
Aber das werden Sie nicht tun. Sie sind sich Ihrer Rolle bewusst. Frau Merkel interessiert nicht, welchen Kiesel Sie im Schuh haben.

 

Authentizität wird überbewertet

Was heißt: Authentisch sein?
Wir kommen dem Begriff der Authentizität ein wenig näher, wenn wir zuerst klären, was „NICHT authentisch sein“ ist. Nicht authentisch ist alles, was inszeniert ist. Wir fühlen instinktiv, das an dem anderen nicht stimmt. Wir spüren, dass er uns etwas „vorspielt“. Dann sprechen wir davon, dass er nicht „authentisch“ wirkt.

 

Wann wirken wir denn nun authentisch?

Viele behaupten, Mario Barth beispielsweise sei sehr authentisch auf der Bühne. Glauben Sie denn wirklich, dass Mario Barth zu Hause genauso ist wie auf der Bühne? Wir spielen alle eine Rolle.
Was macht diese Rollen denn nun aus?
Eine Rolle ist ein Teil einer Geschichte. Eine Geschichte besteht aus einem Ort, einer Zeit, einem Hauptziel (Ende), verschiedenen Protagonisten (auch Antagonisten) und ganz vielen kleinen Szenen, die auf das große Hauptziel hinführen.

 

Ein Beispiel: Eine Liebesgeschichte.

Hauptziel: Zwei Liebende für immer vereint blicken eng umschlungen über die satten Wiesen von Irland.
Rollen: Mann, Frau, Kinder, böse Ex-Partner, zickige Schwiegereltern…
Die Rolle, die Sie in diesem Stück einnehmen, hat ein bestimmtes Ziel. Und das ist ein anderes als Ihr Ziel im Unternehmen. Oder möchten Sie eng umschlungen mit Ihrem Kollegen… .
Wir spielen unterschiedliche Rollen, die jede für sich eine eigene Authentizität erfordert. Wenn außen und innen zusammenpasst, dann wirken wir echt. Wir können aber nur echt wirken, wenn unser Ziel in der jeweiligen Rolle klar ist. Als Eltern wollen wir, dass unsere Kinder gute Mitglieder der Gesellschaft werden und bestenfalls noch glücklich dabei sind. Als Führungskraft wollen wir, dass das Schiff sicher durch alle Stürme manövriert wird. Als Sportler setzen wir wieder andere Prioritäten.

 

Bin ich authentisch, wenn ich emotional bin?

Ja! In ausgeprägten emotionalen Zuständen sind wir unter keinen Umständen fähig, die Mimik zu kontrollieren, unsere Atmung zu steuern oder unser Verlangen nach Schutz körpersprachlich zu unterbinden. Aus evolutionärer Sicht muss das auch so sein. Unsere Emotionen, die wir nach außen zeigen, liefern dem Gegenüber wichtige, existentielle Informationen über die aktuelle Situation. Uns ist die Angst ins Gesicht geschrieben, wenn der Säbelzahntiger im Gebüsch raschelt. Wir zeigen mimische Ausdrücke von Überraschung, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht. Und wir zeigen Signale der Freude, wenn alles entspannt ist und wir vielleicht sogar sexuelles Interesse für das Gegenüber entwickeln. Je intensiver wir fühlen, desto authentischer wirken wir. Die Kunst des Schauspielers ist, so intensiv wie möglich im Gefühl zu sein. Das heißt nicht, dass er herumschreien muss, um emotional zu sein. Er muss aber ganz in der Situation und dabei in dem begleitenden Gefühl sein. Kein Gedanke existiert ohne Anbindung an ein Gefühl.

Wir können uns also nicht verstellen, wenn wir emotional sind. Wir wirken authentisch. Die Frage ist nur, ob wir das wollen. Eine der am meisten gestellten Anforderungen an mich in meiner Funktion als Coach für Außenwirkung ist: „Liebe Frau de Bark, ich möchte nicht, dass die anderen meine Emotionen in der Körpersprache lesen können.“ Ich antworte: „Dann wandeln Sie die Emotion doch einfach um. Wenn Sie wütend sind und es nicht sein wollen, akzeptieren Sie es kurz, atmen aus und schütteln es dann ab. Lassen Sie für den Moment, in dem Sie nicht wütend sind, die Wut Wut sein und pushen sich mit guten Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken. Wütend sein, können Sie später immer noch. Und noch etwas: Es gibt Situationen, in denen es durchaus angemessen ist, wenn das Gegenüber merkt, was in Ihnen vorgeht…“

 

Bin ich authentisch, wenn ich Fehler mache?

Ja! Wir alle machen Fehler. Und deswegen lieben wir es, wenn wir kleine Fehler am anderen erkennen. Es beruhigt uns. Perfektion macht uns unsicher, weil es unnatürlich ist. Es ist zu glatt. Und auf einer glatten Oberfläche kann man ausrutschen. Wir halten jemanden für authentisch, bei dem außen und innen zusammen passt. Aber passen Sie gut auf! Sollte das alles zu glatt sein und zu perfekt aufeinander abgestimmt, kann es zu Unwohlsein beim Gegenüber führen. Das sind diese Menschen, die so nebenher plätschern, die nicht greifbar sind, bei denen alles irgendwie perfekt ist. Stellen Sie sich vor, Sie betreten die Wohnung eines Bekannten zum ersten Mal. Grillfest. Die Wohnung ist toll eingerichtet, der Garten so akkurat getrimmt als würde Edward mit den Scherenhänden im Gartenhäuschen gehalten werden. Ihr Bekannter stellt Ihnen seine Frau vor. Die beiden könnten in einem Möbelkatalog auf der Titelseite als „Wir haben nicht nur uns, sondern auch unser Traumhaus gefunden“-Paar abgebildet sein. Sie werfen einen verzweifelten Seitenblick zu Ihrer Frau, der sagt: „Hauptsache, wie lieben uns.“ Es fehlt nur noch… und just in diesem Moment kommt ein perfekt gepflegter Golden Retriever mit glänzendem Fell um die Ecke, um Sie zu begrüßen, trollt sich aber auf den bestimmenden Blick des Herrchens sofort gehorsam in seine Ecke. Das ist zum Kotzen! Gerade berechnen Sie, wie viele Bier Sie in welcher Zeit trinken müssen, um diese Perfektion zu ertragen, da erscheint eine gepiercte, ganzkörpertätowierte kleine Dame mit halbrasiertem Schädel und Ratte auf der Schulter auf der Terrasse. „Hi Paps!“, schnappt sich ein Bier und verschwindet. Ihr Bekannter blickt Sie erschrocken an. Und das ist der Moment, in dem sich alles in Ihnen entspannt, Ihr Atem ruhiger wird und Sie beginnen, Ihren Bekannten zu lieben.

 

Die Rollen unseres Lebens

Wir wirken so, wie wir es wollen, wenn wir es wollen. In jeder einzelnen Rolle. Dazu gehört ein festes Ziel und das Bewusstsein darüber, was diese Rolle für uns bedeutet. Wir drücken uns in Körpersprache und Worten aus, nehmen Haltungen ein und ändern ständig unsere Kommunikation abgestimmt auf unsere Gesprächspartner. Und wenn wir gut sind, dann wirken wir in der Rolle, die wir annehmen völlig… authentisch.
Wir erleben jeden Tag Geschichten. Unsere Lebensgeschichten. Die Geschichte, in der wir die Hauptrolle der Führungskraft in unserem Unternehmen spielen, wird am Ende stehen: „…große Verdienste um die Firma, die nun für 30 Milliarden verkauft wird. Ich verabschiede mich auf die Bahamas.“ Oder am Ende unseres privaten Drehbuches steht: „…reiten sie glücklich, Hand in Hand in den Sonnenuntergang.“

 

Eine kleine private Geschichte zum Schluss…

…die mich einmal mehr spüren ließ, wie sehr wir in Rollen wirken… müssen. Als ich 18 Jahre alt war, hatte ich eine Hauptrolle in einer Serie am Wörthersee. Am Morgen des ersten Drehtages rief mein Bruder mich aus meiner Heimatstadt an und bat mich mit zitternder Stimme, ich solle mich setzen: „Ich muss dir was sagen“ Ich war voller Euphorie und Vorfreude auf den Drehtag und hatte keine Lust mich zu setzen. Der Fahrer wartete vor der Tür und ich musste schnell machen. „Sag schon“, bat ich meinen Bruder. Er holte tief Luft und sagte: „Dein Freund ist heute morgen gestorben“. Am Set warteten 30 Leute auf mich, der Fahrer hupte. Ich legte den Hörer auf und stieg wie benommen in das Auto, das mich zum Set brachte. Da wartete mein Lebenstraum auf mich. Die Hauptrolle in einer Serie. Während der Fahrt starrte ich vor mich hin. Unfähig etwas zu fühlen. Nur Leere. Als ich aus dem Wagen stieg, begrüßte mich der Regisseur fröhlich. Als er mir ins Gesicht blickte, erschrak er: „Was ist los?“ Mir waren auf der Fahrt stumme Tränen die Wangen heruntergelaufen. Ich hatte es nicht bemerkt. Der Regisseur nahm mich in den Arm, schickte alle Umstehenden weg und fragte mich, ob ich drehen wolle und könne. Er stärkte mir den Rücken und hätte alles versucht, den Drehtag irgendwie ohne mich durchzuziehen, mich aus Szenen zu streichen oder eine Drehplanänderung zu organisieren. Ich blickte ihn an, fasste mich und sagte mit einigermaßen fester Stimme: „Nein, ich will drehen.“ Ich spielte meine Rolle, so wie ich sie wochenlang vorbereitet hatte. Und danach weinte ich. Danach.

 

Echt, wenn alles passt

Authentizität ist ein hohes Gut, aber die Welt ist eine Bühne und wir sind ihre Schauspieler. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit der richtigen inneren Haltung wirken wir echt. Als ich einmal von der Bühne herunterkam und mich unter die Leute mischte, klopfte mir jemand auf die Schulter und sagte: „Das ist so toll, wie Sie das machen. Sie wirken so total authentisch!“ und ich dachte nur: „Das ist schön, aber Sie sollten mich mal authentisch sehen, wenn mein Mann den Müll nicht rausgebracht hat…“

Ein Gastbeitrag von Yvonne de Bark

Yvonne de Bark ist Schauspielerin und Autorin. Als Körperspracheexpertin ist sie eine der in Deutschland meist gefragten Beraterinnen und Referentinnen im Bereich der nonverbalen Kommunikation. Sie ist Dozentin an der Steinbeisuniversität Berlin im Bereich Managementtraining.
www.yvonnedebark.de

Sei authentisch, sei nur nicht zu echt!
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